Warum scheitern IT-Projekte? Ursachen und Frühwarnzeichen
Kurz gesagt
IT-Projekte scheitern meist nicht an der Technik, sondern an unklaren Zielen, schleichend wachsendem Umfang, Schätzungen, die zu Zusagen werden, fehlenden Entscheidern auf Fachseite und dem Unwillen, rechtzeitig abzubrechen. Große Studien zeigen außerdem: Gefährlich ist nicht die durchschnittliche Überschreitung, sondern der Ausreißer, bei dem sich Kosten verdreifachen.
Der britische National Health Service wollte ab 2002 mit dem National Programme for IT die Patientenakten in ganz England digitalisieren. 2011 kündigte die Regierung an, das Programm aufzulösen. Der Rechnungsprüfungsausschuss des Unterhauses rechnete 2013 vor, dass trotzdem Kosten von rund 9,8 Milliarden Pfund anfallen würden.
Solche Fälle prägen das Bild. Sie sind aber nicht der typische Fall. Die meisten IT-Projekte scheitern leiser: Sie werden fertig, nur später, teurer und mit weniger Nutzen als geplant. Um das zu verstehen, lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen, auch auf ihre Schwächen.
Was die Studien zeigen und was nicht
Am häufigsten zitiert wird der CHAOS Report der Standish Group. Für 2020 kursieren daraus etwa 31 Prozent erfolgreiche Projekte, 50 Prozent mit Problemen und 19 Prozent gescheiterte. Der Bericht selbst ist kostenpflichtig, nachprüfen lassen sich diese Zahlen öffentlich kaum. Trotzdem tauchen sie in fast jeder Präsentation zum Thema auf.
Vorsicht ist angebracht. Robert Glass fragte schon 2006 in den Communications of the ACM, ob der Report die behauptete Softwarekrise überhaupt belegt, weil andere Studien zu deutlich anderen Ergebnissen kamen. Magne Jørgensen und Kjetil Moløkken-Østvold zeigten im selben Jahr, dass die im Report von 1994 genannte durchschnittliche Kostenüberschreitung von 189 Prozent vermutlich viel zu hoch war, möglicherweise weil gezielt nach Problemprojekten gefragt wurde. J. Laurenz Eveleens und Chris Verhoef kritisierten 2010 in IEEE Software die Erfolgsdefinition. Dazu kommt: Die Rohdaten sind nicht öffentlich, und die Definition von Erfolg wurde 2015 geändert. Vergleiche über die Jahre sind deshalb kaum möglich.
Belastbarer sind Studien mit offengelegter Methodik. Zwei davon:
Quelle: McKinsey & Company mit der Universität Oxford, Auswertung von über 5.400 IT-Projekten, 2012
Bent Flyvbjerg und Alexander Budzier werteten 2011 für die Harvard Business Review 1.471 IT-Projekte aus. Die durchschnittliche Kostenüberschreitung lag bei 27 Prozent. Das eigentliche Ergebnis steckte im Ausreißer: Jedes sechste Projekt überzog die Kosten im Schnitt um 200 Prozent und den Zeitplan um fast 70 Prozent. Die Autoren nannten diese Fälle Schwarze Schwäne.
Für die Praxis heißt das: Ein Puffer von 20 Prozent schützt vor dem Normalfall. Gegen den Ausreißer schützt nur, ihn früh zu erkennen und gegenzusteuern.
Die sieben häufigsten Ursachen
Aus Studien, Untersuchungsberichten wie dem zum NHS-Programm und der Literatur zum Projektmanagement lassen sich wiederkehrende Muster ableiten.
- Kein messbares Ziel. Wer nicht weiß, woran Erfolg gemessen wird, kann nicht priorisieren. Jede Anforderung wirkt gleich wichtig.
- Schleichend wachsender Umfang. Viele kleine Erweiterungen, keine davon formal bewertet. In der Summe ein anderes Projekt.
- Schätzung wird Zusage. Eine frühe Zahl, unter Druck genannt, wird zum Termin. Der Kegel der Unsicherheit sagt, dass sie um Faktor vier danebenliegen kann.
- Keine Entscheider auf Fachseite. Das Team wartet auf Antworten oder baut auf Annahmen, die später kassiert werden.
- Zu groß geschnitten. Projekte, die erst nach zwei Jahren etwas liefern, sammeln Risiken an, ohne sie zu prüfen.
- Unterschätzte Integration. Die Anbindung an Altsysteme und die Datenmigration werden als Nebensache behandelt und dominieren dann den Aufwand.
- Kein Abbruchkriterium. Wer nie festgelegt hat, wann aufgehört wird, hört nicht auf. Das bereits investierte Geld verzerrt jede Entscheidung.
Bemerkenswert an der McKinsey-Zahl ist übrigens nicht die Kostenüberschreitung, sondern der fehlende Nutzen. 56 Prozent weniger Nutzen als geplant heißt: Selbst wenn ein Projekt im Budget geblieben wäre, hätte es oft nicht geliefert, wofür es gestartet wurde. Das spricht für kleinere Schritte mit früher Überprüfung, ob das Gebaute überhaupt gebraucht wird. Genau dieses Argument steckt hinter iterativen Verfahren, die im Vergleich Agil vs. Wasserfall ausführlich besprochen werden.
Auffällig ist, was fehlt: „Die Entwickler konnten nicht programmieren“ taucht in solchen Analysen selten als Hauptursache auf. Die meisten Ursachen liegen vor dem ersten Commit oder außerhalb des Entwicklungsteams.
Frühwarnzeichen, die du jede Woche prüfen kannst
Krisen kündigen sich an. Diese Signale lassen sich ohne Spezialwissen beobachten:
- Budgetverbrauch und abgenommener Fortschritt liegen mehr als 15 Prozentpunkte auseinander
- Seit vier Wochen wurde nichts gezeigt, das ein Nutzer ausprobieren konnte
- Fachliche Fragen bleiben länger als eine Woche unbeantwortet
- Die Restschätzung wurde seit zwei Meilensteinen nicht aktualisiert
- Neue Anforderungen kommen hinzu, ohne dass etwas anderes herausfällt
- Das Team spricht von „fast fertig“ statt von abgenommenen Funktionen
- Die Schnittstelle zum Altsystem ist „noch in Klärung“, obwohl die Hälfte der Zeit um ist
Zwei oder mehr dieser Punkte gleichzeitig sind ein Grund, die Lenkungsrunde einzuberufen, nicht erst beim nächsten regulären Termin.
Was gegen die häufigsten Ursachen hilft
Die gute Nachricht: Gegen fast jede Ursache gibt es eine einfache, wenig aufregende Gegenmaßnahme.
| Ursache | Gegenmaßnahme |
|---|---|
| Kein messbares Ziel | Ein Satz mit Zahl und Datum im Projektsteckbrief |
| Wachsender Umfang | Formaler Change-Request-Prozess mit Gegenbuchung |
| Schätzung als Zusage | Schätzung immer als Spanne mit Wahrscheinlichkeit |
| Fehlende Entscheider | Benannter Product Owner mit Zeitbudget und Vollmacht |
| Zu groß geschnitten | Lauffähige Zwischenstände alle zwei bis vier Wochen |
| Unterschätzte Integration | Technischer Prototyp für riskante Schnittstellen vor Budgetfreigabe |
| Kein Abbruchkriterium | Schriftliches Kriterium, zum Beispiel an 50 Prozent Budget geknüpft |
Keine dieser Maßnahmen ist neu. Sie werden trotzdem selten konsequent umgesetzt, weil sie am Anfang Zeit kosten, wenn alle loslegen wollen. Wie man sie in die Projektvorbereitung einbaut, steht im Beitrag Softwareprojekt planen. Und warum Spannen statt Punktwerte so viel ändern, erklärt der Beitrag zur Aufwandsschätzung.
Wenn das Projekt schon schiefläuft
Ein Projekt in der Krise braucht zuerst Ehrlichkeit über den Stand, nicht mehr Personal. Fred Brooks hat schon 1975 festgehalten, dass zusätzliche Leute ein verspätetes Softwareprojekt noch später machen. Sinnvoller sind drei Schritte: den tatsächlich abgenommenen Umfang feststellen, den Rest neu schätzen und dann zwischen drei Optionen wählen. Umfang kürzen, Rahmen erweitern oder abbrechen.
Abbrechen ist keine Niederlage, wenn die Fortsetzung mehr kostet als sie bringt. Das ist schwer zu akzeptieren, wenn schon viel Geld geflossen ist. Gerade deshalb gehört das Abbruchkriterium an den Anfang, als es noch niemandem wehtat.
Manchmal hilft ein Blick von außen. Ein unabhängiges technisches Review, etwa durch ein Studio wie OnlineBuilders, kann klären, ob Architektur und Code eine Fortsetzung tragen oder ob ein Neustart günstiger wäre.
Nächster Schritt: Geh die Checkliste der Frühwarnzeichen für dein laufendes Projekt durch. Wenn du bei einem Punkt zögerst, ist das schon eine Antwort.
Häufige Fragen
Wie viele IT-Projekte scheitern wirklich?
Das weiß niemand genau. Aus dem oft zitierten CHAOS Report 2020 werden meist rund 19 Prozent gescheiterte und 50 Prozent problematische Projekte zitiert. Der Bericht ist kostenpflichtig, seine Methodik umstritten. Unabhängige Studien messen eher Überschreitungen als Scheitern und kommen zu anderen Größenordnungen.
Was ist Scope Creep?
Das schleichende Wachsen des Projektumfangs durch viele kleine Erweiterungen, die einzeln harmlos wirken. Ohne formalen Prozess für Änderungen summieren sie sich, bis Budget und Termin nicht mehr zu halten sind.
Wann sollte man ein IT-Projekt abbrechen?
Wenn ein vorher vereinbartes Abbruchkriterium erreicht ist, etwa „nach 50 Prozent Budget läuft kein Pilot“. Ohne solches Kriterium wird fast nie abgebrochen, weil das bereits investierte Geld die Entscheidung verzerrt.
Scheitern agile Projekte seltener?
Das wird oft behauptet, ist aber schwer zu belegen. Agile Verfahren reduzieren das Risiko, lange am Bedarf vorbeizubauen. Sie schützen nicht vor fehlenden Entscheidern oder unbegrenzt wachsendem Backlog.